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  • Ava Carstens

This is happening.

Aktualisiert: 19. Feb 2018



Erschreckend und doch irgendwie zu erwarten. Wir haben also gewählt. Und nu?!

Es ist sehr viel einfacher mit dem Finger auf das zu zeigen, was uns stört. Die sind scheiße, der ist echt kacke und die da haben sowieso keine Ahnung.

Wir leben in einer Demokratie, können uns für und gegen Dinge entscheiden. Unsere Generation ist mit eben dieser Möglichkeit aufgewachsen und groß geworden. Ja, es sollte Standard sein, es ist aber ein Privileg. Eins, dass es zu schätzen gilt.

Zusammenleben und nebeneinander existieren verlangt viel – besonders Platz und Raum zu schaffen fürs „Anderssein“. Wovor haben nur so viele Menschen Angst? Sich zu begrenzen? Vor Vielfalt? Vor dem Einschränken, Angst ihr Hab und Gut zu verlieren? Mir fällt es schwer mich in Wähler, in Menschen hineinzuversetzen, die eine „Alternative“ verlangen. Von was? Eine geheuchelte Sicherheit? Ich versteh ihre Gier, ihre Begrenzung, ihren alltäglichen Bullshit nicht.

Ein Freund von mir sagte folgendes dazu: „..Menschen, denen es vergleichbar so gut geht und die trotzdem nur das Schlechte sehen. Für Eure ‚Probleme’ würde manch einer, den Ihr aufgrund seiner angeblichen 'Habgier' so fürchtet, dankbar sein. Ihr habt Angst vor Fremden? Ich auch! Denn Ihr seid mir wirklich fremd! So fremd, dass ich mich fremdschämen will.“


Muss es tatsächlich erst so richtig dramatisch werden, damit wir begreifen, damit wir verstehen? Wir brauchen wohl neue Grenzen, um uns wieder Freiräume zu erkämpfen.

Bei mir hinterlässt das Gefühl etwas dumpfes und eines der besten Deutschen Wörter überhaupt: Weltschmerz. Denn es ist kein Thema, dass sich allein geografisch und gesellschaftlich auf Deutschland beschränkt.


Mir machen unsere „Bubbles“ sorgen, die wichtig und toll sind, um uns zusammenzufinden, zurückzuziehen, Communities zu haben, die sich untereinander und in denen wir uns stärken. Wenn wir aber anfangen uns zu verschließen und nicht mehr zuzuhören, verlieren wir den Bezug zu der größten Community – zum Miteinander-sein. Vielfalt und nicht nur Einzigartigkeit. Es entsteht Gedankengut vs. Gedankenschlecht. Wenn wir uns eine funktionierende Gesellschaft wünschen, müssen wir zuhören, hinschauen und nicht nur bei den Themen, Momenten, Geschichten, die uns gefallen. Eben auch bei alle denen, die wir für unangenehm, anstrengend und aufreibend empfinden.


Eine kleine Episode dazu: Ich fand mich, nach einem wunderbaren Yoga und Surf Retreat im letzten Jahr, an meinem vorletzten Urlaubsabend in Lissabon, einem AfD Wähler gegenübersitzen. Gerade am Ende einer solchen Reise, aufgetankt und aufgeladen mit positiver Energie, ist es nicht gerade ein Gesprächspartner, den ich mir gewünscht habe. Hallo Realität. Ja, mein erster Reflex war: Weglaufen. Ich möchte jetzt aufstehen und gehen, war’s doch bis gerade eben noch so schön. Bin ich aber nicht. Auch, wenn sich alles in mir anspannte, sich mein Magen zuschnürrte und ich mit Aussage für Aussage, die er machte unruhiger wurde, habe ich zugehört. Ich wollte verstehen. Wir haben diskutiert und einander zugehört. Es gab keinen Ausgang, keine „Einigung“, kein gemeinsamer Nenner. Aber Akzeptanz. Und der unermüdliche Gedanke und das Gefühl, in den eigenen Kreisen kleine, zarte Impulse zu setzen. Was bleibt sonst?! Ich weiß nicht, ob und was ich bei ihm hinterlassen habe. Ich konnte ihn nicht vom Gegenteil überzeugen, wäre schön wenn, aber das geschieht eher im Märchen als in der Realität. Was ich weiß, es wird ihn bewegt haben. Ganz einfach, weil er ein Mensch ist. Ich bin mit Bauchschmerzen schlafen gegangen, mit Gedankenströmen, die mich lange wach gehalten haben. Mit Wut. Und doch bin ich froh, dass ich sitzen geblieben bin.


Was ich sagen will: Wir können nicht versuchen „Schlechtes“ auszuklammern und es nicht zu integrieren. Es ist wie mit Gefühlen, vor denen wir uns verschließen, sie werden dadurch nicht kleiner, ganz im Gegenteil.

Jeder, jede kann einen Teil zum großen Ganzen beitragen. Sofern wir das denn wollen. Und dabei geht es nicht um mühevolles alles-richtig-machen, sondern sich häufiger mal für das kleinere Übel zu entscheiden. Bewusstes Umdenken und -entscheiden mit positiver Veränderung bei alltäglichen Situationen.


Wir sind die erste Generation, welche die Auswirkungen der Klimakrise spürt und vielleicht die letzte, die etwas dagegen tun kann. Geprägt von meiner letzten Reise, von jedem Ausflug ins Meer, bleibt das Bild von im Wasser schwimmendem oder an den Stand angespültem Plastik. Wir sind heute vielleicht 10 die den Müll von 1000 einsammeln. Vielleicht sind es morgen 11 die das Plastik von 999 einsammeln oder 9, die es von 1001 aufheben – soll ich es deshalb belieben lassen?!


Noch ein Bild, dass die Absurdität unseres nebeneinanderher Lebens spiegelt: Vor deinen Augen eine wunderschöne Bucht – eine Steilküste wie gemalt, Schluchten und Hänge, dazu ein Wasserfarbverlauf von weiß, hellblau, türkis bis ins tiefe blau. Der Abstieg braucht ein wenig Geschick, aber unten in der Bucht angekommen ist es ein schöner Fleck Erde. Zwischen den vielen Touristen gibt es kaum Platz, ein ständiges Kommen und Gehen, aber das macht nichts, dann rückt man eben etwas zusammen. Oberhalb der Bucht ist eine Ziegenfarm, das Gebiet ringsum ist ihre Weidelandschaft. Zwischen in der Sonne liegenden und für Beach-Fotos posenden Menschen kommen die Ziegen die steilen Hänge heruntergesprungen. Neugierig sammeln sich die Zuschauergruppen um sie herum. Fotografieren, Filmen, wollen die Ziegen streicheln und füttern. Mit Chips und Zwiebelringen, mit Keksen und Gummibärchen. Fassungslos starre ich die Touristen an, stehe auf und versuche höflich aber bestimmt zu erklären, dass das nicht gut für die Tiere sei. Die Fütterer verstehen mich nicht, wollen mich nicht verstehen und haben das Gefühl, den Ziegen doch nichts böses zu tun. Sie geben ihnen ja schließlich etwas von ihrem Essen ab, sie teilen. Menschen eben.


Vielleicht sind wir das nächstes Mal ja Zwei, die etwas sagen?! Die, die Ziegen vor der nächsten Chipsfütterung bewahren. So oder so, wenn wir diesen Planeten weiter in dem Ausmaß zerstören, uns gegenseitig zerstören, bringen uns auch alle die schlauen Worte, Gedanken, Intentionen nichts.

Auch hier hat es für mich keinen Ausgang. Keine Einigung. Auch hier gehe ich mit Bauchschmerzen und aufwühlenden Gedanken schlafen. Und auch dann bleibt: Akzeptanz und der unermüdliche Versuch, in den eigenen Kreisen kleine, zarte Impulse zu setzen.


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Text: Ava Carstens

Foto: Tina Heiß

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